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Leseprobe aus FRAUMENSCH

von Luzia Kaul

Erschienen im Erwin Friedmann Verlag, München
ISBN 978-3-933431-49-3

Aus Kapitel 2:

Um sechs ging schrill und gnadenlos der Wecker. Sie tastete mit der linken Hand nach ihm und brachte ihn zum Schweigen. Seinen durch Mark und Bein gehenden Ton konnte sie einfach nicht leiden. Langsam kroch sie aus dem Bett und begann mit der üblichen Morgenroutine: duschen, Zähne putzen, anziehen. Aber das war heute schwer. Sie wollte sich besonders hübsch machen. Meist fand sie ihr eigenes Erscheinungsbild langweilig. Nur hatte sie weder eine Ahnung, wie sie es ändern könnte, noch den Mut, etwas zu tragen, das auffallen würde. So war und blieb sie unscheinbar, mittelgroß, sehr mager, auffällig blass und kaum mit verführerischen Rundungen ausgestattet. Glatt und braun fiel ihr Haar auf die Schultern, und ihre ebenfalls braunen Augen wirkten scheu und zurückhaltend. Auf der rechten Seite wurde ihr Haar von einer Spange gehalten.

Ihre siebzehn Jahre sah man ihr kaum an. Sie hätte genauso gut auch fünfzehn sein können. Schließlich hatte sie ihre Lieblingsjeans von s.Oliver mit dem dunkelbraunen Shirt aus dem Schrank gekramt und beließ es dabei.

      Voller Vorfreude auf Karina und ihre Familie hopste sie fröhlich durch den kurzen, beengten Flur. Vor der Küche stockte sie. Ihre Mutter war schon dort. Wie jeden Morgen hatte sie etwas zum Frühstücken und Zutaten für die Schulbrote rasch auf den Tisch gestellt. Immer musste alles schnell gehen bei ihr. Sie hatte einen bauchigen Kaffeebecher in der Hand.

„Gott, wie du wieder aussiehst!“, war die Begrüßung. Flüchtig küsste sie ihre Mutter auf die Wange und fragte sich insgeheim, ob sie es jemals schaffen würde, ihre Mutter zufriedenzustellen.

„Beeilt euch, ich muss los! Oliver, wo bleibst du?“

Oliver, Hannahs zwei Jahre älterer Bruder, schlurfte durch die Tür. Seine Hose hing bedenklich knapp auf den Hüften und wurde von einem zerknitterten und nicht mehr ganz taufrischen T-Shirt gekrönt, das irgendeine verzerrte Fratze zeigte. Die Haare standen wirr um den Kopf. Es war nicht genau auszumachen, ob die Haare vom Gel oder aufgrund des erheblichen Abstandes zur letzten Haarwäsche ihr Styling hielten. Dennoch: Yvonne strahlte ihn verzückt an, als sei plötzlich die Sonne in der Küche aufgegangen. Sie erhob sich und küsste ihn sanft auf die Wange.

„Guten Morgen, mein Liebling!“

„Lass das! Ist ja ekelig!“ Oliver wand sich angewidert von ihr ab und fuhr mit dem Finger tief in das Nutella-Glas. Den Finger lutschte er gut hörbar ab.

„Ey, hast du ein paar Bifis und Milchschnitten für mich?“ Mutter deutete gönnerhaft auf eine der Schranktüren. Zwischenzeitlich hatte Hannah sich ein paar Brote für die Schule belegt und ließ sie samt Butterbrotdose und Apfel in der Tasche verschwinden.

„Ich gehe heute nach der Schule zu Karina, Mutter“, sagte sie nur leise und begann, den Tisch abzuräumen. Sie war sich nicht ganz sicher, ob ihre Mutter sie gehört hatte, denn die stieg bereits in ihre spitzen Absatzschuhe. …

Aus Kapitel 3:

Zehn Minuten später erreichte Hannah die Schule und tauchte in das allmorgendliche Getümmel ein. Gruppenweise oder einzeln strömten die Schüler Richtung Schulhof. Dazwischen bahnten Roller sich aufheulend und nach Treibstoff stinkend ihren Weg. Fahrradfahrer wimmelten überall. Zu beiden Seiten der vor der Schule liegenden Straße fand ein nicht enden wollendes Defilee von Eltern statt, die ihre Kids aus den Familienkutschen in den Tag entließen. Meist in Situationen oder an Stellen, die alles andere als sicher waren! Für einen Moment betrachtete sie die Szene. Wie ein Haufen Ameisen liefen alle durcheinander und wirken dennoch zielsicher. Endlich entdeckte sie ihre Freundin. Karina lachte und kam auf sie zu.

„Hi“, grüßte Karina, „du kommst doch heute mit zu uns?“

„Ist doch klar! Ich freue mich echt riesig darauf!“

„Toll, meine Mutter macht extra eine große Portion Lasagne! Die magst du doch so gerne.“

„Ja, super!“ Es schellte und wurde höchste Zeit, zum Biosaal zu gehen. Beide besuchten sie die zwölfte Jahrgangsstufe. Die meisten Fächer hatten sie gemeinsam. Mit Biologie, Erdkunde und Deutsch hatten sie gehofft, einigermaßen durchs Abitur zu kommen. Bislang sah auch alles ganz gut aus. …